Gesundheitsbildung Inklusion

Bildung neu denken: Für Vielfalt, Mitbestimmung und Gesundheit

Wir Bildungspiraten beobachten in den vergangenen Wochen drastische Veränderungen im Bildungssystem. Die Herausforderungen sind vielfältig: Von wachsender gesellschaftlicher Polarisierung – etwa durch pauschale Handyverbote [1] oder starre Quoten [2] – bis hin zu einem System, das die individuellen Bedürfnisse der Lernenden oft ignoriert [3]. Solche Maßnahmen greifen zu kurz und werden der Vielfalt unserer Lernenden nicht gerecht. Praktisch bedeutet das: Lernende werden unter Generalverdacht gestellt und zunehmend überwacht [4], statt ihnen Vertrauen und echte Teilhabe zu ermöglichen.

Ein zentrales Problem bleibt der Adultismus [5]: Noch immer bestimmen Erwachsene, was für Lernende „richtig“ ist, ohne deren Perspektiven einzubeziehen. Routinen und Regeln werden selten hinterfragt. Für echte Inklusion braucht es aber Strukturen, in denen alle Lernenden von Anfang an dazugehören. Multiprofessionelle Teams [6] mit unterschiedlichen Kompetenzen könnten hier neue Standards setzen – vorausgesetzt, es wird ausreichend investiert und nicht gekürzt. Auch Medienkompetenz rückt immer stärker in den Fokus. Pauschale Handyverbote helfen wenig – stattdessen braucht es Medienbildung ab der Grundschule und Vorbilder im Umgang mit digitalen Medien [7]. Lehrende und dessen Sorgeberechtigte benötigen gezielte Fortbildungen, damit digitale Bildung als Chance genutzt werden kann. Nicht zuletzt beobachten wir eine wachsende Einsamkeit unter Lernenden [8], verstärkt durch Digitalisierung und gesellschaftliche Veränderungen. Schulen müssen soziale Angebote ausbauen und Themen wie Suchtprävention und seelische Gesundheit fest verankern, um der Einsamkeitspandemie [9] und psychischen Belastungen entgegenzuwirken. Wichtig ist zu beachten: Isolation ist wichtig, manchmal sogar notwendig, wie z.B. bei der Pandemiemaßnahme. Einsamkeit hingegen ist das Gefühl, von etwas getrennt zu sein. Beides wird oft verwechselt. Auch Introversion, Eremitentum und Alleinsein ist keine Einsamkeit.

Präsentismus [10] – also die permanente Anwesenheit von Lehrenden und Lernenden trotz Krankheit, Erschöpfung oder sogar Infektionskrankheiten – ist ein alarmierendes Symptom überlasteter Strukturen. Viele fühlen sich aus Pflichtgefühl oder Angst vor Nachteilen gezwungen, auch krank zur Arbeit zu erscheinen. Dies betrifft auch Sorgeberechtigte, die ihre Kinder trotz Krankheit in die Bildungsstätte schicken, aus Sorge, diese könnten sonst als fehlend gelten und dadurch als weniger leistungsfähig wahrgenommen werden. Das führt nicht nur zu gesundheitlichen Risiken für die Betroffenen selbst, sondern gefährdet auch die Qualität des Unterrichts und die Gesundheit der gesamten Schulgemeinschaft. Präsentismus zeigt deutlich, dass gesunde Arbeitsbedingungen, eine Kultur der Wertschätzung für Erholung und flexible Vertretungskonzepte fehlen. Hier braucht es dringend einen Wandel, damit Lehrende, Lernende und Fachpersonal langfristig gesund und motiviert bleiben, sowie eine Reduzierung der Bürokratie bei Krankschreibungen und Krankengeld.

Der Fachpersonalmangel spitzt sich weiter zu. Ohne mehr Zuwanderung und bessere Arbeitsbedingungen für Lehrende und pädagogische Fachpersonen droht die Bildungsqualität massiv zu leiden. Überhöhte Betreuungsschlüssel – etwa 50 – 70 Lernende auf 2 Lehrende – gefährden nicht nur die Qualität, sondern auch den Kinderschutz. Viele Lehrende erleben eine stetig wachsende Arbeitsbelastung, fehlende Unterstützung und wenig Möglichkeiten zur Mitbestimmung. Die Digitalisierung des Unterrichts wird oft ohne ausreichende Fortbildung und technische Ausstattung eingefordert, was zu Unsicherheit und Frustration führt. Eine klare Personalpolitik, gezielte Investitionen und eine ehrliche Analyse der aktuellen Lage sind dringend nötig. Es ist ebenso wichtig, dass verbeamtete und angestellte Lehrende Missstände oder Überlastung anonym und ohne großen Aufwand melden können. Außerdem sollten sie bei Bedarf die Möglichkeit haben, ihre Schule bundesweit zu wechseln – ohne dabei finanzielle Einbußen befürchten zu müssen. Auch Hierarchien sollten in diesem Zusammenhang hinterfragt werden, dass z.B. Positionen wie Abteilungs- oder Schulleitung alle fünf Jahre sich wieder zur Wahl stellen.

Das Bildungssystem muss sich von pauschalen Verboten lösen und stattdessen echte Teilhabe, Inklusion und Medienkompetenz fördern. Investitionen in Personal, digitale Kompetenzen und die gleichberechtigte Einbeziehung aller Perspektiven sind der Schlüssel für ein zukunftsfähiges und gerechtes Bildungssystem.

Wir Bildungspiraten werden die Sommerferien nutzen, um in den kommenden Wochen intensiv über folgende Themen weiter zu debattieren:

  • Digitalisierung ohne Methodik: Wie und warum wir funktionierende Tools einsetzen, aber gleichzeitig Risiken wie Trojaner und Überwachung in Kauf nehmen.
  • Präsentismus und Einsamkeitspandemie: Wie wir Kinder und Jugendliche permanent aktiv halten – und dabei ihre seelische Gesundheit aus dem Blick verlieren.
  • Geschlechter an Bildungsstätten: Wie Stereotype unreflektiert in Lehrpläne übernommen werden und was wir dagegen tun können.
  • Adultismus und Parentifizierung: Wie Populismus uns alle spaltet.

Komm auch du gerne dazu. Wir treffen uns dienstags im BigBlueButton von 19:00 – 00:15 Uhr.

Quellen:
[1] https://www.gew-hamburg.de/themen/bildungspolitik/2025-06/debatte-um-handyverbot-an-schulen
[2] https://taz.de/Kritik-an-Bildungsministerin/!6095817/
[3] https://www.youtube.com/watch?v=6JM21bN78ys
[4] https://www.abendblatt.de/hamburg/wandsbek/article409417375/schule-hamburg-aerger-um-neue-app-an-gymnasium-kinder-werden-ueberwacht.html
[5] https://www.gewaltschutz.net/blog/adultismus
[6] https://deutsches-schulportal.de/schulkultur/multiprofessionelle-teams-an-schulen-wer-gehoert-dazu/
[7] https://www.zdf.de/play/dokus/collection-index-page-artede-collection-artede-rc-025891-394/page-video-artede-kids—die-rolle-der-vorbilder-100
[8] https://web.de/magazine/wissen/psychologie/schulen-fuehlen-kinder-einsam-projekt-aendert-41070830
[9] https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/einsamkeitsbarometer-2025-264868
[10] https://www.forum-verlag.com/fachwissen/arbeitsschutz/praesentismus/

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